WIRTSCHAFT & MÄRKTE
Anthropic reicht Börsenprospekt ein: 85 Prozent Bruttomarge und ein Sonderstimmrecht
Der KI-Anbieter weist für das erste Halbjahr 2026 16,29 Milliarden Dollar Umsatz bei 85 Prozent Bruttomarge aus; sieben Gründer sichern sich über eine Class-F-Aktie 50,1 Prozent der Stimmrechte.

Anthropic hat in dieser Woche seinen Börsenprospekt eingereicht. Das mehr als 300 Seiten starke Dokument ist nach Einschätzung der Technikredaktion von CNBC die bislang umfassendste öffentliche Darstellung der Erlösrechnung eines reinen KI-Anbieters. Für die Bewertung der KI-Branche ist das von Belang, weil damit erstmals Kosten- und Ertragsstruktur eines Unternehmens offenliegen, das ausschließlich KI-Modelle entwickelt und vermarktet.
Für das erste Halbjahr 2026 weist Anthropic einen Umsatz von 16,29 Milliarden Dollar und Umsatzkosten von 2,38 Milliarden Dollar aus, was einer Bruttomarge von 85 Prozent entspricht; im Vorjahreszeitraum hatte der Umsatz 1,16 Milliarden Dollar betragen. Das Wachstum verlangsamte sich jedoch: von rund 144 Prozent im zweiten gegenüber dem ersten Quartal auf etwa 47 Prozent im dritten. Violeta Todorova von Leverage Shares sagte CNBC, es sei unklar, wie viel die Erzeugung jedes zusätzlichen Umsatzdollars koste; Michael Field von Morningstar vermisste Erwartungen des Managements zur Verlangsamung.
Nahezu die gesamten Umsatzkosten entfallen laut Prospekt auf Rechenleistung und Infrastruktur. Anthropic räumt ein, historisch in einer computebeschränkten Umgebung operiert zu haben, in der die Nachfrage das Angebot überstieg. Nick Patience von der Futurum Group verwies gegenüber CNBC darauf, Anleger sähen zwar, dass Rechenkosten als Umsatzanteil sinken, nicht aber, welcher Teil der Vorabverpflichtungen für das Training künftiger Modelle und welcher für die Bedienung von Kunden bestimmt ist.
Für Aufsehen sorgt die Governance: Die sieben Gründer um CEO Dario Amodei halten über eine einzige Class-F-Aktie 50,1 Prozent der Stimmrechte. Anthropic bezeichnet die Kapital- und Unternehmensstruktur als ohne direkten Präzedenzfall unter börsennotierten Gesellschaften. Hinzu kommen Class-E-Aktien ohne wirtschaftlichen Wert, aber mit begrenzten Stimmrechten, die Betriebszugehörigkeit und Spenden belohnen sollen. Die Bewertung nannte das Unternehmen nicht; sie werde durch Verhandlungen zwischen dem Unternehmen, den verkaufenden Aktionären und den benannten Vertretern bestimmt. Analystenschätzungen reichen von einer bis zwei Billionen Dollar.
Flankiert wird der Schritt von Zusagen zum Gemeinwohl: Die sieben Gründer erklärten, 80 Prozent ihrer persönlichen Aktien wohltätigen Zwecken zuzusagen – zusammen möglicherweise 80 Milliarden Dollar. Fünf Prozent des Eigenkapitals sind für einen Gemeinwohlfonds vorgesehen, weitere zwei Prozent für jeden anhaltenden Anstieg des Aktienkurses um 50 Prozent. Für gespendete Anteile legt Anthropic eine zusätzliche Aktie drauf; das Matching lag bei bis zu 50 Prozent für vor Mai 2024 und 25 Prozent für später eingestellte Beschäftigte, von denen 70 beziehungsweise knapp 50 Prozent Anteile zugesagt haben. Bella DeVaan vom Institute for Policy Studies gab zu bedenken, die Zusagen seien nicht rechtlich bindend und könnten widerrufen werden. Nächster zu beobachtender Schritt ist der Handelsbeginn; erst dann wird sich zeigen, ob Anleger die geringen Kontrollrechte akzeptieren.